Geboren wurde Wilhelm Kienzl 1857 in Waizenkirchen, einer kleinen Gemeinde in Oberösterreich – auf halbem Wege zwischen Passau und Linz. 1860 zog die Familie nach Graz, wo Wilhelm Kienzl sen. als Abgeordneter des Steiermärkischen Landtages und von 1873 bis 1885 als Bürgermeister bald eine wichtige Rolle in der Politik spielte. Seinen ersten Musikunterricht erhielt der junge Wilhelm in der seinerzeit renommierten Musikschule von Johann Buwa. 1874 begann er in Graz sein Studium, das er in Prag und Leipzig fortsetzte und schließlich in Wien mit einer Dissertation bei E. Hanslick abschloss. Ein einschneidendes Erlebnis wurde der Besuch der ersten Bayreuther Festspiele 1876. Drei Jahre später lernte er den von ihm hochverehrten Komponisten dann persönlich kennen und gehörte für einige Zeit sogar zum “Wahnfrieder-Kreis“, bis er sich wegen seiner Verteidigung Robert Schumanns mit Wagner überwarf. Das hinderte ihn jedoch nicht daran, dessen Musik zeitlebens sehr hoch zu schätzen und 1882, anlässlich der zweiten Bayreuther Festspiele, der Uraufführung des Parsifal, auf den „Grünen Hügel“ zurückzukehren, wenngleich es auch zu keiner Begegnung mit Wagner mehr kam, der ein gutes halbes Jahr später starb. Auch in den Folgejahren war Kienzl regelmäßig bei den Festspielen, nunmehr nicht nur als Besucher sondern als Teilnehmer, u.a. als musikalischer Assistent.

In das Jahr 1883 fällt der Beginn seiner regen Dirigententätigkeit, die ihn erst nach Amsterdam, später u.a. nach Hamburg und München führte. In dieser Zeit machte er auch Graz wieder zu seinem Lebensmittelpunkt, wo er dann 1886 Artistischer Direktor des Musikverein für Steiermark wurde. Zu seinen Aufgaben zählte auch die Leitung der angegliederten Musikschule; in seine Amtszeit fällt die Eröffnung der ersten Klavierklasse. Seine Spuren hat er, im wahrsten Sinne des Wortes, auch als Dirigent hinterlassen: Im historischen Aufführungsmaterial des Musikvereins, das heute in der Universitätsbibliothek der Kunstuniversität verwahrt wird, finden sich noch mehrere von Kienzl persönlich „eingerichtete“ Werke, also mit seinen Notizen und Anmerkungen in den einzelnen Stimmen – so etwa bei verschiedenen Orchesterstücken aus Wagners Ring.

Etwas über 200 Lieder hat Kienzl komponiert, die es jedoch nicht „zu einer allgemeinen Verbreiterung“ brachten, „obwohl ich in Künstlerinnen und Künstlern von Rang eifrige Protagonisten gefunden hatte“, wie er in seiner Autobiographie Meine Lebenswanderung konstatiert. Und liest man sich die Liste der Sänger und Sängerinnen durch, die er im Folgenden aufzählt, so ist dort wirklich alles vertreten, was im letzten Viertel des 19. und dem ersten des 20. Jahrhunderts Rang und Namen hat.

Maria auf dem Berge ist der dritte seiner sechs Gesänge op. 55, den er, gemeinsam mit Meine Mutter (aus den drei Gesängen op. 66) selbst für Orchester gesetzt hat, wie er auf den Titelblättern beider Lieder eigenhändig vermerkte. Entstanden sind beide Orchestrierungen 1907 für Julia Culp. Die niederländische Altistin – geboren 1880 in Groningen – galt als eine der größten Lied-Interpretinnen ihrer Generation. Ausgedehnte Konzertreisen führten sie zwischen 1906 und 1913 durch ganz Europa, ab 1919, nach der Heirat mit dem Großindustriellen Baron Wilhelm von Ginskey, lebte sie in Wien und auf dem Schloss ihres Mannes in Maffersdorf (Böhmen). Zu dieser Zeit wirkte sie vornehmlich als Gesangspädagogin.

Beide Lieder sind von W. Kienzl für einen großen Orchesterapparat ausgelegt. Meine Mutter verlangt zusätzlich noch zwei Hörner, zwei Trompeten und Pauken.